Der Trikotfluch von Innsbruck
- Georgios Papaconstantis
- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit
Vom Witz zum Verdacht
Man muss im Sport gar nicht weit suchen, um auf Aberglaube zu stoßen. Eigentlich reicht schon ein Blick in jede Sportkabine. Auch ich hatte und habe meine Ticks, meine Abläufe, meine Dinge, an denen ich festhalte. Nichts völlig Absurdes. Aber eben genug, um zu wissen, wie schnell aus einem Gefühl ein Ritual wird. Und aus einem Ritual irgendwann fast schon ein Glaube.
Aber irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem man beginnt, Dinge zumindest nicht mehr ganz auszuschließen. Bei mir ist dieser Punkt ziemlich genau vor zwei Jahren gekommen. Damals durfte ich zum ersten Mal die Trikots des HC TIWAG Innsbruck gestalten. Für mich war das etwas Besonderes. Nicht irgendein Job, nicht irgendein Dress, sondern die Haut eines Clubs, mit dem man mitfühlt, mitfiebert, mitleidet. Etwas, das man mit Stolz angreift.

Das Problem ist nur: Seit ich diese Trikots gestalte, geht es sportlich bergab.
Und ich meine nicht ein bisschen bergab. Ich meine so richtig! Zwei Saisonen, zweimal abgeschlagen Letzter. Davor war das Bild ein ganz anderes. Der HCI war plötzlich wieder ein Thema, das man nicht nur in Innsbruck ernst nahm. Ein starker Grunddurchgang, Platz drei, Playoff-Teilnahme, Champions Hockey League, internationale Aufmerksamkeit, spezielle Abende, Aufbruchsstimmung. Es war nicht alles perfekt, aber es war spürbar: Da ist etwas in Bewegung. Da lebt etwas.
Und dann kam ich. Oder präziser gesagt: meine Trikots.

Natürlich weiß ich, dass das rational völliger Blödsinn ist. Ich weiß, dass Tabellen nicht von Ärmelabschlüssen entschieden werden, dass ein Unterzahlspiel nicht an einer Schriftart scheitert und dass ein Designer keine Gegentore verschuldet. Und trotzdem ist diese Geschichte inzwischen größer geworden, als sie vielleicht sein sollte. Auch intern macht dieser Gedanke längst die Runde. Natürlich mit einem Grinsen. Natürlich nicht ganz ernst gemeint. Natürlich so, wie man in einem Club eben redet, wenn es sportlich nicht läuft und man irgendeinen Strohhalm braucht, an dem man sich humorvoll festhalten kann.
Nur bin ich mittlerweile an einem Punkt, an dem ich diesen Witz fast ernster nehme als die anderen.
Aus allem ein Zeichen
Ein Logo am Boden wird nicht betreten, der Schläger immer gleich getaped, an Routinen wird nicht herumgeschraubt und der Playoffbart bleibt sowieso stehen. Solche Dinge gehören einfach dazu. Über Jahre, über Generationen, durch fast jede Kabine. Nicht, weil sie rational viel Sinn ergeben müssen. Sondern weil Eishockey eben auch von genau solchen Ritualen lebt.
Warum also sollte ausgerechnet ein Trikot nur ein Trikot sein?
Vielleicht tragen wir seit zwei Jahren gar keine Jerseys, sondern eine Art textilen Fluch. Vielleicht war jede Linie zu viel, jede Idee zu mutig, jeder Eingriff ins Erscheinungsbild ein stiller Handschlag mit dem Tabellenkeller. Vielleicht hätte ich einfach alles lassen sollen, wie es war. Man weiß es nicht.
Ganz neu wäre so ein Gedanke im Sport jedenfalls nicht. Da ist der berühmte Madden Curse: Kaum landet ein NFL-Star auf dem Cover des Football-Videospiels, wird schon darüber diskutiert, ob nun Verletzungen, Pech oder ein Leistungseinbruch folgen. Da ist Racing Club in Argentinien, wo die Geschichte von sieben im Stadion vergrabenen Katzen bis heute als einer der bekanntesten Sportflüche überhaupt gilt. Und selbst im Tennis war plötzlich vom „Netflix-Fluch“ die Rede, als bei den Australian Open auffällig viele Profis aus der Serie Break Point früh ausschieden oder verletzt gar nicht erst antreten konnten. Sogar beim FC Bayern München wurde zuletzt über ein „verfluchtes“ weißes Trikot gesprochen. So absurd das alles klingt: Genau so entstehen solche Mythen. Nicht, weil sie logisch wären. Sondern weil sie weitererzählt werden, bis sie irgendwann fast echter wirken als die Vernunft.
Also mache ich jetzt das einzig Logische und spreche es offiziell aus:
Ja, vielleicht bin ich schuld.
Vielleicht war es wirklich keine besonders gute Idee, dass ausgerechnet ich damit anfange, die HCI-Trikots zu gestalten, und der Club kurz darauf zweimal Letzter wird. Vielleicht hätte ich früher erkennen müssen, dass ich nicht nur Motive entwerfe, sondern unabsichtlich dunkle Mächte auf Stoff banne. Vielleicht hätte irgendwann jemand einschreiten und sagen müssen: "Jörgi, hör zu – das schaut super aus, aber wir würden gern auch wieder Spiele gewinnen!"
Vielleicht fehlt einfach noch etwas
Wobei die Sache noch einen kleinen Haken hat. Beim SK Wilten habe ich ebenfalls die Trikots (mit)gestaltet – dort allerdings mit meinem Logo drauf. Seitdem ist die Mannschaft ungeschlagen. Zufall? Vielleicht. Hilfreich für meine Entlastung ist es jedenfalls nicht.

Und genau deshalb könnte dieser Text nun eine Art Gegenmittel sein. Denn vielleicht muss man einen Fluch zuerst benennen, bevor man ihn brechen kann. Vielleicht muss man ihn ans Licht zerren, ihn öffentlich machen, ihn lächerlich machen. Vielleicht verliert er genau in dem Moment seine Kraft, in dem man aufhört, nur hinter vorgehaltener Hand darüber zu reden.
Ich tue also hiermit, was getan werden muss: Ich erkenne den Trikotfluch offiziell an. Weil ich finde, dass jede gute Sportgeschichte einen Schuss Wahnsinn braucht. Und weil ich tief drin hoffe, dass dieser Artikel am Ende genau das ist, was bisher gefehlt hat. Kein neues System, kein neuer Importspieler, kein neues Irgendwas, sondern einfach ein sauber formulierter Befreiungsschlag.
Sollte der HCI ab jetzt wieder nach oben klettern, ist die Sache ohnehin klar. Dann war dieser Text wichtig. Dann war genau das nötig. Dann haben wir den Bann gebrochen, nicht mit Weihwasser und nicht mit Hokuspokus, sondern mit der vielleicht schönsten Waffe, die ein Verein in schweren Zeiten haben kann: Selbstironie.
Kommentare